"Wischniowskis tote Tauben (Letter to Europe)" - eine Rede von Susanne Deicher zur Ausstellungseröffnung in der Galerie Kristine Hamann, Wismar, 2012

Meine Damen und Herren,

 

Ich begrüße Sie alle recht herzlich zum ’Tag der toten Tauben’.

Diesen Tag hat Christoph Wischniowski ausgerufen.

Es gibt eine von ihm entworfene Briefmarke, die den ‚Día de las Palomas Muertas’ feiert – es ist eine imaginäre Marke Mexikos und sie klebt auf seinem ’Letter to Europe’, einem von ihm illustrierten Buch.

 

Dieses Büchlein sei, so hat Christoph Wischniowski mir gesagt, in seinem Werk nur eine Nebensache. Das, meine Damen und Herren sehe ich anders. Denn Christoph Wischniowski, der mit seinen Grafiken scheinbar völlig abseits vom Hauptstrom der Kunst in Europa steht und dessen Werk sich in jener Nische einzunisten scheint, die der Kunstbetrieb für unverbesserliche Liebhaber der traditionellen Grafik eingerichtet hat, geht mit diesem Büchlein in die Offensive.

Aus ihm erfahren wir, warum es sich in Deutschland, so wie es geworden ist, nicht mehr aushalten läßt. Deutschland, und zwar insbesondere die ostdeutsche Provinz, die hier emblematisch für die ganze deutsche Misere einsteht, ist, so lautet die Diagnose, keine Heimat mehr für die empfindsame Seele und für den Geist, und darum auch keine Heimat mehr für die Kunst. Weil das so ist, muß die Kunst auswandern, es zieht sie zum südlichen Strand und nach Amerika.

 

Mit dieser paradoxen Bewegung, meine Damen und Herren, in der ausgerechnet der amerikanische Kontinent, Quellpunkt von Modernisierung und Globalisierung als Sehnsuchtsziel einer deutschen entwurzelten Kunst erscheint, steht Christoph Wischniowski inmitten einer langen Tradition der deutschen Kunst.

Denn die deutschen Künstler und Gestalter sind niemals, wie etwa ihre französischen Kollegen seit 1850, in die Südsee gezogen oder in die Sahara, nicht nach Äthiopien wie Rimbaud oder nach Tahiti wie Gauguin. Die deutschen Künstler haben mit anderen Worten nie wirklich Ernst gemacht mit ihrer Absage an die Modernisierung, mit ihrer Absage auch an Deutschland. Sie sind alle irgendwann zurückgekehrt und haben vom amerikanischen Kontinent die Botschaft einer besseren Modernisierung, einer gerechten Globalisierung und einer guten Zukunft gebracht.

Stellvertretend dafür möchte ich Ihnen jetzt nur eben (die Bauhauskünstler und Bauhausarchitekten) Joseph Albers etwa – der nach Mexiko ging, und Walter Gropius – der in die USA ging – nennen.

20, 30 Jahre später haben sie vom amerikanischen Kontinent aus Europa künstlerisch modernisiert.

 

Die Kunst wird, um es mit den Worten eines weiteren nach Amerika ausgewanderten Deutschen zu sagen, nicht jeden Montagmorgen neu erfunden.

Es ist erstaunlich zu sehen, dass die künstlerischen Mittel mit denen Christoph Wischniowski erfolgreich und visuell schlagend die deutsche Misere charakterisiert, immer noch die gleichen sind, wie vor 100 Jahren: Gotisierung, Dämonisierung und Mythisierung.

Indem die deutsche Misere gotisch wird, gehört sie zum nationalen Stil. Indem sie dämonisch wird, erscheint sie als Teil einer unausweichlichen geschichtlichen Katastrophe.

Diese Katastrophe gewinnt im Untergangsmythos Gestalt.

 

Auf der letzten Seite von Christoph Wischniowskis ‚Letter to Europe’ sehen wir ein trojanisches Pferd auf einem gestrandeten Boot.

Die Saale ist, so lesen wir, über die Ufer getreten und hat das gotische Haus, in dem der Künstler einst lebte bevor er nach Mexiko ging, überschwemmt.

Aus dem Wasser ragen nur noch einige Hügel – Deutschland – und speziell Halle offenbar – ist untergegangen, die rettende Arche aber ist beschädigt, von ihr herab grinst nur noch das hölzerne Pferd.

So steht denn auch auf der allerletzten Seite „the end“ zu lesen, wie auf der schwarzen Schlussblende eines uralten Stummfilmes oder wie in einem amerikanischen Song vom Ende „this ist the end, my friend“.

 

Das Personal des deutschen Stummfilms der 1910er Jahre bevölkert die Seiten des Buches – Vampire, wahnsinnige Doktoren und Tiere als Botschafter des Todes.

Schauplätze sind mittelalterliche Ruinen, verfallene Friedhöfe und unheimliche Studierzimmer.

Schon in Fritz Langs Spielfilm ‚Der müde Tod’ von 1919 markierten hohe Treppenhäuser, deren Vertikalität unwillkürlich an gotische Kirchenschiffe erinnern, das Reich des Todes.

So ist es auch bei Christoph Wischniowski.

Das Mietshaus zu dem diese Treppenhalle gehört, deren Vertikalität das Format des Buches sprengt, ist ein Ort des Todes. Ihm muß der Künstler nach Mexiko entkommen.

 

Wie Sie vielleicht wissen, sind auch die Regisseure der deutschen Stummfilme Fritz Lang zumal, sämtlich nach Amerika gezogen, haben das todmüde Deutschland verlassen.

Freilich, im alten deutschen Film sind meistens Ratten die tierischen Botschafter des Todes und des Unterganges gewesen. Bei Christoph Wischniowski dagegen sind es Tauben, die, vergiftet von den gewissenlosen Wissenschaftlern eines abgewickelten Instituts der Halleschen Universität, zu tausenden sterben.

 

Warum gerade Tauben, meine Damen und Herren?

 

Nun, es war ja die Taube, die in der DDR die Hoffnung auf einen Neuanfang verkörperte, auf die Auferstehung aus Ruinen.

Die Taube ist ja, wie Sie wissen, eigentlich ein jüdisches und christliches Symbol, gesandt von Gott als Zeichen der Rettung der Welt aus der Sintflut.

Zu einem Symboltier des Kommunismus war die Taube erst durch die moderne Kunst geworden. Von Picasso, von dessen Plakaten für die kommunistische Partei Frankreichs, hatte die DDR die Taube übernommen.

Es ist diese Taube, deren Tod am ‚Tag der toten Tauben’ gedacht wird.

 

 

Susanne Deicher / 2012

„...warum diese ganze Aufzählung? Letztlich, weil auf den Radierungen nichts anderes stattfindet. Diese riesigen Platten mit den Reptiliengesichtern schildern den alltäglichen Rat der Götter. Christoph immer mittendrin. Der Kriegsgott spuckt Tequila vorbei am zuckenden Beobachter. Wüste Maschinenwesen zeigen ihre Mülldeckelkappe, mächtige Zigarren den Hut. Zuletzt was „internationales“. Drei Köpfe, der Raum ist eng. Polizei, Europa und Afrikanerin teilen sich die letzte Nachricht mit: Renaissance trifft Kino (erstaunlich).

Diese Radierungen sind nicht zuletzt durch ihre Größe so präsent. Sie sind von Eisenplatten gedruckt und beim Ätzen möchte ich nicht dabei sein. Christoph Wischniowski hat sich die Technik, in der seine mexikanischen Freunde Spezialisten sind, erobert. Was er in den aufregenden grafischen Strukturen sieht, stehen lässt und verstärkt, das ist ganz er: Compañero in Gesprächsreflektion, selbst wenig schmeichelhaft, aber im Kontrast stärker gespürt, wer man ist.

 

Die ganze Stadt fällt hinein in die große Ätzschlacht, wird wegtransportiert und herausformiert zu den prächtigen Drucken. Eine beeindruckende Entwicklung, die aufwendige grafische Prozesse mit menschlicher Verve vorträgt.“

 

 

(Auszug aus der Rede von Prof. Thomas Rug zur Diplomarbeit 2003)

 

 

  

 

 

 

„There are monuments on the frontier between reality and imagination, saying "here you pass to the other side." That is where you will find the works of Christoph Wischniowski.“

 

 

(Schlußsatz aus dem Pressetext von  Feike Tycho de Jong zur Ausstellungseröffnung in Oaxaca/Mexiko am 30. 07. 2006)